Behörden & Ämter

Wer auswandert, lernt die Behörden seines neuen Landes von einer ganz anderen Seite kennen – nicht als abstrakte Institution, sondern als konkreten Alltag. In Schweden beginnt alles mit der Personnummer, der persönlichen Steuernummer, ohne die buchstäblich nichts geht: kein Bankkonto, keine Versicherung, kein Kurs, keine Kreditkarte. Stefan schaffte es in den ersten Tagen nach der Ankunft zum Skatteverket (dem schwedischen Finanzamt, das zugleich das Einwohnermeldeamt ist). Die Beamtin dort war wortkarg, nuschelte auf Schwedisch, nahm das ausgefüllte Formular und eine Ausweis-Kopie – und das war's. Ob alles stimmte? Keine Rückmeldung, man würde schon sehen.

(geschrieben am 6. August 2008 von Malte)

Parallel lief die Anmeldung beim SFI (Svenska för invandrare, dem staatlichen Schwedischkurs für Einwanderer). In der Vuxenutbildning (Erwachsenenbildung) wurde Stefan nach einem kurzen Gespräch direkt in den C-Kurs eingestuft – sein Schwedisch war gut genug, um ohne Test zu starten. Den Personbevis (Personalbescheinigung) vom Skatteverket brauchte er überall: bei der Bank, beim Arbeitgeber, bei der Post.

(geschrieben am 20. August 2008 von Stefan)

Als Malte im März 2009 nach Stockholm zog, begann der gesamte Behördenmarathon von vorne: Personennummer beantragen, Bankkonto eröffnen, Migrationsverket (Einwanderungsbehörde) aufsuchen. Das E-303-Formular – der europäische Nachweis für Arbeitslosengeldanspruch im Ausland – musste persönlich in Berlin abgeholt werden, nur damit man in Schweden drei Monate lang deutsches ALG I bekam. Bei der Abholung wollte dann niemand den Ausweis sehen, obwohl man eigens deshalb nach Berlin gefahren war.

(geschrieben am 17. März 2009 von Malte)

Das Formular wurde bei der Arbetsförmedlingen (dem schwedischen Arbeitsamt) abgegeben. Dort verlief das Gespräch auf „Schwenglisch", also einem Mix aus Schwedisch und Englisch. Die Unterschiede zum deutschen System: In Schweden wird das Arbeitslosengeld rückwirkend für die Tage seit dem letzten Termin ausgezahlt. Und das Gespräch folgte einem festen Leitfaden: Überprüfung des Bemühens, Liste der verschickten Bewerbungen, nächster Termin.

(geschrieben am 9. April 2009 von Malte)

Zwischendurch erlebten sie den Schreck: Ein Brief vom Migrationsverket lehnte Maltes Registrierung als EU-Bürger mit Aufenthaltsrecht ab – angeblich war der Nachweis von Stefans Arbeitsstelle nie angekommen. Nach einem geduldigen Anruf stellte sich heraus: Der Brief war schlicht verloren gegangen. Die Unterlagen wurden neu eingereicht, und wenige Tage später kam die Entwarnung. Malte hatte sein Aufenthaltsrecht.

(geschrieben am 19. und 27. Mai 2009 von Malte)

In den Jahren danach blieben Behördengänge ein roter Faden des Alltags: Steuererklärungen beim Skatteverket, die Anmeldung einer selbstständigen Tätigkeit in Schweden (erstaunlich unkompliziert – wer eine Personennummer hat, braucht im Grunde nur die Entscheidung, in welchem Bereich er tätig sein will), Adressänderungen, Immobiliensteuerformulare für das neue Haus, Abnahmen (Slutbesiktning) beim Hausbau. Als Malte 2011 in Berlin ein deutsches Konto bei der DKB eröffnen wollte, während er schon in Schweden lebte, wurde klar: Das geht, man braucht dafür keinen deutschen Wohnsitz – aber ein wenig Papierkrieg ist es trotzdem.

(geschrieben zwischen 2010 und 2014 von Malte)

2017 kamen als Pflegeväter neue Behörden ins Leben: das Sozialamt ordnete Grundausbildungen an, Kinderpflegeleistungen mussten beantragt werden, der Kalender füllte sich mit Arztterminen und Amtsterminen. Und 2019 schilderte Malte einen typischen Alltag zwischen Schule, Kindern und dem gelegentlichen „Luftholen" – weit entfernt von den einsamen Behördengängen des Jahres 2008.

(geschrieben am 30. April 2017 und 9. Februar 2019 von Malte)